Frau zieht ihren Partner an der Krawatte hinter sich her

Wenn die Lust zur Krankheit wird

Seit "Two and a half Men" ihren festen Platz im Abendprogramm der Fernsehzuschauer gefunden haben, darf auch in Deutschland über Sexsucht gesprochen werden. Selbsthilfegruppen haben immer mehr Zulauf und viele Frauen und Männer stellen sich die Frage, ob auch bei ihnen die Grenze von der Lust zur Krankheit überschritten sein könnte.

Ganz klar: Ähnlich wie Drogen oder Alkohol können Erotik und Sex zu einer Sucht werden, die das Leben verändert. Wir wollten wissen, wie oft eigentlich zu oft ist und was die Sexsüchtigen von den Leidenschaftlichen unterscheidet.

Wenn die Dosis ständig steigt

Für den Beginn der Krankheit gibt es keine klar definierte Grenze. Im Normalfall muss sich deshalb niemand die Frage stellen, wie oft er mit seinem Partner in Clinch gehen oder sich selbst befriedigen darf. „Weitermachen“, sagen die Experten, denn spätestens nach drei bis viermal am Tag nimmt die Lust daran meist von selber ab.

Sexsüchtige dagegen können nicht aufhören. Sie müssen nicht nur ständig an Sex denken, sondern ihn auch praktizieren, während andere Dinge des Alltags zur Nebensache werden. Wen die Sucht gepackt hat, der wird Freunde und Familie, Hobbys und den Job vernachlässigen, um den erotischen Eskapaden hinterher zu jagen. „Kontrollverlust“ ist das Wort, das die Medizin für dieses Stadium der Suchterkrankungen kennt.

Hat sich die Leidenschaft in Sucht verwandelt, muss die Dosis ständig steigen. Statt sich „nur“ mehrmals am Tag selbst zu befriedigen oder sich auf Affairen mit unterschiedlichen Partnern einzulassen, braucht er schon bald einen neuen Kick. Obszöne Anrufe, sexuelle Belästigung oder sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit gehören unter Umständen dazu, auch wenn die Grenze zum Strafbaren dabei überschritten werden könnte.

Befriedigung bleibt aus

Egal was sie tun: Sexsüchtige erleben selten oder nie eine wirkliche Befriedigung. Sie fühlen sich wehrlos und können ohne fremde Hilfe trotzdem nichts dagegen tun, wenn sie ihre Partner oder ihre Jobs verlieren, finanzielle oder sogar gesundheitliche Probleme wegen sexuell übertragbarer Krankheiten bekommen und vielleicht straffällig werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein sexsüchtiger Mensch ohne therapeutische Behandlung oder Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe sein Verhalten unter Kontrolle bekommt, ist äußerst gering. Dazu kommt, dass diese nicht stofflich gebundene Sucht oft in Zusammenhang zum Beispiel mit einer Medikamenten- oder Alkoholabhängigkeit auftritt. Letztere wird behandelt, die Sexsucht jedoch bleibt und führt auf Sicht dazu, dass der Betroffene auch wieder zur Flasche greift.

Genaue Statistiken über die Zahl der Betroffenen gibt es nicht. Während US-Forscher von einem bis zu sechsprozentigen Anteil an der Bevölkerung ausgehen, sind die Experten in Europa mit ihren Schätzungen deutlich zurückhaltender. Relativ sicher aber scheint, dass etwa zwei Drittel der Betroffenen männlich sind und die Krankheit meist zwischen dem 20ten und dem 30ten Lebensjahr „ausbricht“.

Ursachen meist psychisch

Der massiv verstärkte Sexualtrieb hat Experten zufolge keine spezifische Ursache. Mehrere psychische und seelische Faktoren nehmen hier Einfluss. Das soziale Umfeld, Veranlagung, aber vor allem auch negative Kindheitserlebnisse wie in etwa Missbrauch, ein zu niedriges Selbstwertgefühl oder gestörte emotionelle Beziehungen könnten zur sich allmählich entwickelnden Sexsucht geführt haben.

Die Folgen der Sexsucht

Sexsucht führt oft zu Scham, Schuldgefühlen und Depressionen. Die Einsamkeit der Betroffenen ist groß und geht oftmals mit Hoffnungslosigkeit einher, die bis zum Selbstmord führen kann. Zu den Folgen sexsüchtigen Verhaltens gehören an vorderster Stelle auch Partnerschaftsprobleme, die von der Beeinträchtigung der Partnerschaft oder Trennung bis zum Verlust der Beziehungsfähigkeit führen. Sexsucht kann sehr kostenintensiv gelebt werden. In dem Fall können Schulden die Situation zusätzlich erschweren. Gesundheitliche Probleme durch Geschlechtskrankheiten können ebenfalls Teil des Schädigungsbildes sein genauso wie rechtliche Folgen, etwa solche, die aus dem kriminellen Umfeld resultieren, in dem Sex oft verkauft wird.

Kann man Sexsucht behandeln?

Ganz eindeutig ja! Allerdings setzt die Therapie oft viel zu spät ein, weil die ersten Auswirkungen im privaten Umfeld auftreten und aus Scham auch beim Arztbesuch verschwiegen werden. Im Gegenteil nehmen die unmittelbar betroffenen Angehörigen Seitensprünge, Ehebruch oder unkontrollierten Umgang mit Pornografie oft noch zu lange hin aus Angst, den Partner zu verlieren.

Während Hypersexualität in den Vereinigten Staaten meist in Spezialkliniken behandelt wird, können in Deutschland jedoch nicht einmal ausreichend viele Therapeuten auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen. Unterstützung bei der Suche nach einer Therapie bieten aber vornehmlich die beiden folgenden Selbsthilfegruppen:

Im Vordergrund jeder Behandlung steht, Intimität auch ohne Sexualität wieder zu lernen und negative Gefühle zuzulassen, ohne sie mit Sex zu verdrängen. Meistens beginnt die Therapie deshalb mit einem Zölibat, bei dem keine sexuellen Handlungen mit sich selbst oder mit anderen erlaubt sind. Während die dabei auftretenden „Entzugserscheinungen“ in der Gruppe verarbeitet werden, ist es das Ziel, eine gesunde Beziehung zu sich selbst aufzubauen.

[ zurück ] [ Seite drucken ] [ Impressum ] [ Datenschutzrichtlinien ]