Trendthema Neurozentriertes Training

Hype oder sinnvolle Ergänzung?

Wer an Training denkt, hat meist Muskeln, Ausdauer oder Beweglichkeit im Kopf. Doch jede Bewegung beginnt an einer anderen Stelle: im Nervensystem. Genau hier setzt das neurozentrierte Training an. Es betrachtet nicht nur Muskeln und Gelenke, sondern vor allem die Frage: Wie verarbeitet unser Gehirn die Informationen aus dem Körper – und wie beeinflusst das unsere Gesundheit, Leistungsfähigkeit und unser Schmerzempfinden? 

Podcast mit Luise Walther, Expertin für neurozentriertes Training

Kompakt auf die Ohren: Alles über die Möglichkeiten und die Grenzen des neuen Trainingstrends erklärt Gesundheits-Coach Luise Walther im BKK24-Podcast „einfach gesund!“. Sie ist Pionierin auf dem Gebiet, hat bereits mehrere Bücher zum Thema neurozentriertes Training verfasst und außerdem reichlich praktische Erfahrung in der täglichen Arbeit mit Klientinnen und Klienten aller Altersklassen und Leistungsniveaus. 

Was ist neurozentriertes Training?

Neurozentriertes Training (auch „gehirnbasiertes Training“ genannt) stellt das Nervensystem in den Mittelpunkt. Unser Gehirn erhält permanent Informationen aus den Augen, dem Gleichgewichtssystem, den Muskeln, Gelenken, Organen und der Atmung. Aus diesen Daten erstellt es eine Art Lagebericht und entscheidet anschließend, wie der Körper reagieren soll – etwa mit Bewegung, Muskelspannung, Konzentration oder auch Schmerz. 

Anders als klassische Trainingsformen ersetzt neurozentriertes Training dabei weder Krafttraining noch Yoga oder Ausdauersport. Vielmehr ergänzt es bestehende Bewegungsprogramme um eine zusätzliche Perspektive: Wie können wir die Qualität der Informationen verbessern, die unser Gehirn erhält? 

Die Bandbreite, in der neurozentriertes Training helfen soll, reicht dabei von Schmerzfreiheit in Krankheits- und Verletzungsprozessen bis hin zum letzten Quäntchen Optimierung im Hochleistungssport. 

Warum das Nervensystem für unsere Gesundheit so wichtig ist

Unser Gehirn arbeitet ständig wie eine Sicherheitszentrale. Es bewertet, ob eine Situation sicher oder potenziell gefährlich ist. Fehlen Informationen oder erscheinen sie unklar, reagiert der Körper häufig mit Schutzmechanismen: etwa Muskelverspannungen, Bewegungseinschränkungen oder Schmerzen. 

Deshalb betrachten moderne neurozentrierte Ansätze Schmerzen nicht ausschließlich als Zeichen eines Schadens, sondern auch als Schutzsignal des Nervensystems. Das bedeutet nicht, dass Schmerzen „eingebildet“ sind. Vielmehr beeinflussen zahlreiche Faktoren, wie stark wir Schmerzen wahrnehmen: Bewegung, Schlaf, Stress, Atmung, Emotionen oder soziale Unterstützung. 

Was sagt die Wissenschaft zu neurozentriertem Training?

Neurozentriertes Training ist bislang kein eigenständiges wissenschaftlich etabliertes Therapieverfahren. Viele seiner Methoden basieren auf Erkenntnissen aus Neurowissenschaft, Schmerzforschung und Bewegungswissenschaft. Ob das Gesamtkonzept gegenüber anderen Trainings- und Rehabilitationsformen einen zusätzlichen Nutzen bietet, ist derzeit noch nicht ausreichend untersucht.

Viele Grundlagen des neurozentrierten Trainings sind allerdings wissenschaftlich gut belegt:

  • Das Gehirn bleibt lebenslang lernfähig (Neuroplastizität).
  • Bewegung beeinflusst die Aktivität des Nervensystems unmittelbar.
  • Augen, Gleichgewichtssystem und Körperwahrnehmung arbeiten eng zusammen.
  • Schmerz entsteht nicht allein im Gewebe, sondern wird vom Nervensystem bewertet und verarbeitet. 

Für wen eignet sich neurozentriertes Training?

Grundsätzlich ist neurozentriertes Training geeignet für alle Menschen, die ein Nervensystem besitzen – also für jede Altersgruppe. Die Ansätze werden sowohl im Leistungs- und Freizeitsport als auch in Prävention, Rehabilitation und Gesundheitsförderung eingesetzt. 

Besonders interessant kann neurozentriertes Training sein für Menschen mit:

  • wiederkehrenden Rücken-, Nacken- oder Schulterschmerzen
  • Gleichgewichtsproblemen
  • Bewegungseinschränkungen
  • hoher beruflicher Belastung
  • langem Sitzen im Arbeitsalltag
  • oder dem Wunsch, die Körperwahrnehmung zu verbessern

Fünf gute Tipps für den Alltag

1. Häufiger die Position wechseln

Statt möglichst lange „gerade“ zu sitzen, lieber regelmäßig die Haltung verändern, aufstehen oder einige Schritte gehen. Bewegung liefert dem Gehirn ständig neue Informationen und unterstützt die Selbstregulation des Körpers. 

2. Den Blick schweifen lassen

Unsere Augen sind eng mit Gleichgewicht und Körperhaltung verbunden. Wer den ganzen Tag auf Bildschirm oder Smartphone schaut, fordert sein visuelles System einseitig. Regelmäßige Blickwechsel in die Ferne entlasten Augen und Nervensystem. 

3. Atmung bewusst nutzen

Eine ruhige Nasenatmung kann helfen, Stress abzubauen und das Nervensystem zu beruhigen.

So geht's:

  • bequem hinsetzen,
  • tief durch die Nase einatmen,
  • noch einmal kurz nachziehen,
  • langsam durch die Nase ausatmen,
  • zwei bis fünf Minuten wiederholen.  

4. Bewegung langsam beginnen

Neue Übungen müssen nicht perfekt sein. Oft hilft es, Bewegungen zunächst langsam, in kleinem Bewegungsumfang und in einer sicheren Ausgangsposition auszuführen. Das gibt dem Nervensystem Zeit, Vertrauen aufzubauen. 

5. Raus in die Natur

Der vielleicht einfachste Tipp: mehr Zeit draußen verbringen. Unterschiedliche Untergründe, wechselnde Blickrichtungen, natürliche Bewegungen und Tageslicht liefern dem Gehirn eine Vielzahl wertvoller Reize – ganz ohne spezielles Trainingsprogramm. 

Einfache Übungen mit neurozentriertem Training von Luise Walther

Auf unserem YouTube-Kanal zeigt die Expertin in der Rubrik Fit Point, wie sich mit neurozentriertem Training ganz einfach und alltagstauglich Bewegungsabläufe stabilisieren und verbessern lassen. 

Drei Gedanken zum Mitnehmen

Schmerz ist ein Schutzsignal.

Er ist nicht immer gleichbedeutend mit einer Verletzung und kann durch viele Faktoren beeinflusst werden. 

Bewegungsvielfalt ist wichtiger als Perfektion.

Der Körper profitiert von abwechslungsreicher Bewegung mehr als von starren Regeln. Die beste Haltung ist meistens die nächste Haltung.

Gesundheit entsteht im Alltag.

Oft sind es kleine, regelmäßig wiederholte Impulse – ein Spaziergang, bewusstes Atmen oder häufigere Positionswechsel –, die langfristig den größten Unterschied machen. 


Das könnte Sie auch interessieren

Es ist nie zu spät für Sport

„Ich war noch nie sportlich.“ – Diesen Satz hört man oft. Die gute Nachricht: Die Wissenschaft spricht eine andere Sprache. Unser Körper und unser Gehirn bleiben erstaunlich anpassungsfähig – bis ins hohe Alter.

Wie Sport deine Psyche stärkt

Wer regelmäßig aktiv ist, tut nicht nur Herz und Muskeln etwas Gutes, sondern auch der Psyche. Doch was bedeutet das konkret? Wie stark sind die Effekte wirklich – und wie viel Bewegung braucht man dafür?