Wer an Klimawandel denkt, hat vermutlich Bilder von Hitzetagen und Extremwetterereignissen im Kopf. Bedauerlicherweise beschränkt sich die Krise nicht auf diese einzelnen Gelegenheiten. Sie ist ein Dauerzustand, der weitgehend unbemerkt und zunehmend unseren Körper und unsere Psyche belastet. Die gute Nachricht: Wir sind dagegen nicht machtlos. Wer die eigenen Grenzen kennt, Nachrichten bewusst konsumiert und Handlungsmöglichkeiten sucht, kann seine psychische Widerstandskraft stärken.
Wie bleiben wir angesichts von Hitzewellen, Naturkatastrophen und schlechten Nachrichten psychisch gesund? Darüber spricht Psychologin Lea Dohm im BKK24-Podcast „einfach gesund!“. Sie ist unter anderem Sprecherin der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und die Expertin, wenn es um die Psychologie der Klimakrise geht.
Ihre zentrale Botschaft lässt sich auf vier Worte bringen: Berührbarkeit bewahren. Handlungsfähigkeit suchen.
Denn weder hilft es, die Klimakrise komplett auszublenden, noch, sich rund um die Uhr mit Katastrophenmeldungen zu beschäftigen. Entscheidend ist die Balance.
Das komplette Gespräch, live aufgenommen auf der Landesgartenschau in Bad Nenndorf, können Sie nachhören und ansehen auf unserem YouTube-Kanal.
In der Medizin beschäftigt sich das Fachgebiet Planetary Health mit den Wechselwirkungen zwischen der Gesundheit des Menschen und den natürlichen Lebensgrundlagen. Klimaveränderungen können dabei sowohl körperliche als auch psychische Folgen haben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt unter anderem Hitze, Extremwetter, veränderte Luftqualität und Auswirkungen auf Wasser- und Nahrungsmittelversorgung zu den gesundheitlich relevanten Folgen des Klimawandels.
Besonders deutlich wird das bei Hitze. Langanhaltend hohe Temperaturen belasten den Organismus und können bestehende Erkrankungen verschlimmern. Gleichzeitig können Hitzeperioden Schlaf, Leistungsfähigkeit und psychisches Wohlbefinden beeinträchtigen. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen hohen Temperaturen und verschiedenen psychischen Gesundheitsproblemen. Die Forschung zu den genauen Mechanismen ist allerdings noch nicht abgeschlossen.
Nicht nur selbst erlebte Ereignisse können belasten. Auch Bilder von Waldbränden, Überschwemmungen oder anderen Katastrophen erreichen uns heute innerhalb von Sekunden über Smartphone und soziale Medien.
Das kann Gefühle wie Sorge, Trauer, Wut oder Hilflosigkeit auslösen. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass solche Reaktionen auf eine reale Bedrohung zunächst durchaus angemessen sein können. Problematisch wird es, wenn die Belastung so stark wird, dass sie beispielsweise zu Vermeidung, Handlungslähmung oder anhaltenden psychischen Beschwerden führt.
Lea Dohm spricht deshalb im Podcast lieber von klimabezogenem Stress als ausschließlich von „Klimaangst“. Denn Menschen reagieren unterschiedlich: Manche sind ängstlich, andere wütend, traurig oder frustriert.

Zwei Reaktionen sind besonders naheliegend:
„Ich muss noch mehr wissen.“
Man liest eine Meldung nach der anderen, klickt auf weitere Videos und verfolgt immer neue Katastrophenmeldungen. Dieses sogenannte Doomscrolling kann zur psychischen Belastung beitragen. Erste Studien zeigen Zusammenhänge zwischen starkem Doomscrolling und psychischer Belastung bzw. geringerem Wohlbefinden.
„Ich will davon überhaupt nichts mehr hören.“
Die andere Möglichkeit ist, Nachrichten komplett auszublenden und das Thema möglichst weit von sich wegzuschieben. Das kann sich kurzfristig entlastend anfühlen. Auf Dauer führt jedoch eine vollständige Vermeidung dazu, dass wir Handlungsmöglichkeiten gar nicht mehr wahrnehmen und das Grundproblem – wirksamer Klimaschutz – nicht gelöst wird.
Es geht also nicht darum, jede Katastrophenmeldung auszuhalten. Selbstschutz ist erlaubt. Wenn die eigene Belastungsgrenze erreicht ist, müssen wir uns nicht gleich wieder mit der nächsten Horrormeldung im Detail befassen.
Entscheidend ist, zwischen einer bewussten Pause und dauerhafter Vermeidung zu unterscheiden.
Eine einfache Regel für den Alltag:Informieren statt dauernd konsumieren.
Zum Beispiel:
Eine wichtige Erkenntnis, die auch Lea Dohm vertritt: Wir müssen die Klimakrise nicht allein lösen. Aber wir können etwas beitragen.
Das Gefühl, etwas bewirken zu können, wird in der Psychologie als Selbstwirksamkeit beschrieben. Gerade bei komplexen Krisen kann es hilfreich sein, den eigenen Einflussbereich zu betrachten.
Das bedeutet nicht, dass wir uns ab sofort zu 100 % klimaneutral verhalten müssen. Im Gegenteil. Lea Dohm betont, dass niemand perfekt klimafreundlich leben kann. Wichtig ist, die eigenen Möglichkeiten zu erkennen und Schritt für Schritt auszubauen.
Die 4 Fs: Wo der eigene Konsum ansetzen kann
Lea Dohm nennt vier Bereiche, in denen unser eigenes Verhalten großen Einfluss hat:
Fleisch – Fliegen – Fummel – Finanzen
Übrigens: Einen ähnlichen Ansatz verfolgen wir mit unserer Klima-Challenge. Jetzt kostenlos anmelden und ein motivierendes Sticker-Heft mit 16 einfachen Aufgaben erhalten! www.bkk24.de/klima-challenge
Unsere Wirkung endet nicht am eigenen Kühlschrank.
Wer weniger Fleisch isst, nachhaltiger einkauft oder seltener fliegt, verändert den eigenen Konsum. Noch größer kann der Einfluss werden, wenn Menschen ihre Möglichkeiten in Gruppen und Organisationen nutzen – etwa am Arbeitsplatz, im Verein oder im Freundeskreis.
Beispiele:
Der entscheidende Perspektivwechsel lautet:
Nicht nur fragen: „Was kann ich anders machen?“, sondern auch: „Was kann ich gemeinsam mit anderen verändern?“
Unser Alltag besteht aus Gewohnheiten. Deshalb kann eine Veränderung zunächst ungewohnt oder sogar anstrengend sein. Gleichzeitig müssen neue Routinen nicht perfekt starten.
Ein kleiner Schritt kann beispielsweise sein:
Heute: eine konkrete Sache auswählen.
In den nächsten Wochen: beobachten, ob sie sich bewährt.
Nach einigen Wochen: überlegen, ob ein weiterer Schritt sinnvoll ist.
So entsteht Veränderung, ohne dass aus Gesundheits- und Klimaschutz ein zusätzlicher Dauerstress wird.
Übrigens: Wissenschaftlich fundierte Hilfe beim Etablieren neuer gesunder Gewohnheiten bietet unser kostenloses Coaching. Machen Sie sich psychologische Wirkweisen zunutze, um den Inneren Schweinehund zu überwinden! www.bkk24.de/coaching
Achtung vor dem „Jetzt habe ich ja schon etwas getan“-Effekt
In der Psychologie heißt das Single Action Bias. Man verändert eine einzelne Sache und fühlt sich dadurch bereits ausreichend aktiv.
Zum Beispiel: Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren – und daraus ableiten, dass man sich den Urlaubsflug damit ja wohl verdient habe.
Der einzelne Schritt ist deshalb nicht wertlos. Er sollte nur der Anfang und nicht der Endpunkt sein.
Familienfeier, Arbeitsplatz oder Freundeskreis: Früher oder später landet das Thema Klimawandel auch im persönlichen Gespräch.
Dabei helfen selten die vermeintlich „besten Argumente“. Denn Klimafragen berühren Werte, Identität und persönliche Lebensweisen. Die Konflikte wechseln rasch von der rationalen auf die emotionale Ebene.
Lea Dohm empfiehlt deshalb einen konstruktiven Umgang, angepasst an die jeweilige Situation und Beziehung.
Drei Regeln für gute Klimagespräche
1. Nicht sofort belehren.
Ein erhobener Zeigefinger löst leicht Widerstand aus. Fragen und echtes Interesse öffnen eher ein Gespräch.
2. Humor nutzen.
Humor kann helfen, schwierige Themen weniger konfrontativ anzusprechen. Er sollte allerdings nicht dazu dienen, reale Probleme lächerlich zu machen.
3. Im Gespräch bleiben.
Nicht jede Diskussion muss gewonnen werden. Manchmal ist schon viel erreicht, wenn ein Gedanke hängen bleibt und später weiterwirkt.
Und noch etwas ist wichtig: Nicht jede Person muss jederzeit aktiv sein. Menschen haben unterschiedliche Lebenssituationen und unterschiedliche Kapazitäten. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen aktiv werden, die gerade die Möglichkeit und Energie dafür haben.
Sich wegen der Klimakrise Sorgen zu machen, ist nicht automatisch ein Zeichen einer psychischen Erkrankung. Das Umweltbundesamt unterscheidet ausdrücklich zwischen angemessenen emotionalen Reaktionen auf eine reale Bedrohung und psychischen Problemen.
Wenn Angst, Verzweiflung oder Stress allerdings dauerhaft den Alltag bestimmen, Schlaf und Lebensqualität beeinträchtigen oder zu starker Vermeidung und Rückzug führen, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Dann gilt: Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche. Auf unserer Website erfahren Sie, wann und wie Sie sich psychologische Unterstützung holen können. www.bkk24.de/brauche-ich-eine-psychotherapie
Drei Gedanken zum Mitnehmen
Berührbarkeit ist keine Schwäche.
Wer sich von einer Krise berühren lässt, nimmt sie ernst. Gefühle können ein Hinweis darauf sein, was uns wichtig ist.
Selbstschutz ist erlaubt.
Nicht jede Nachricht muss gelesen und nicht jedes Katastrophenvideo angesehen werden. Pausen schützen die eigene psychische Gesundheit.
Handlungsfähigkeit macht einen Unterschied.
Wir müssen nicht allein die Welt retten. Aber wir können unseren eigenen Einflussbereich nutzen – und gemeinsam mit anderen mehr erreichen als allein.